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Utøya – Eine Gedenkstättenfahrt
Ich wusste schon immer, dass ich einmal nach Utøya möchte. Der rechtsterroristische Anschlag am 22. Juli 2011 hat mich tief bewegt, obwohl ich damals erst zwölf Jahre alt war, habe ich sehr viel dazu gelesen und mich informiert. Die Schicksale der Jugendlichen haben mich sehr berührt. Es war mehr als ein Verbrechen, es war ein Angriff auf junge engagierte Menschen, auf ihre Werte, auf ihre Vorstellung von einer offenen und solidarischen Gesellschaft. Für genau diese Werte bin ich 2018 den Jusos beigetreten.
Als sich die Gelegenheit ergab, mit den Jusos NRW über ein Kontingent der Falken NRW nach Norwegen zu fahren, wusste ich sofort: Ich muss mit. Gleichzeitig hatte ich auch ein mulmiges Gefühl und Respekt vor der Gedenkstättenfahrt. Die politische Lage in Europa hat sich verändert, rechte Kräfte gewinnen an Einfluss, Hass und Hetze werden lauter und nehmen zu. Doch gerade in dieser Zeit eine Gedenkstättenfahrt zu machen, fühlt sich nicht nur wichtig, sondern auch dringlich an.
Als wir schließlich auf der Insel ankamen, war das beklemmende Gefühl sofort wieder da. Ich musste ständig daran denken, wie es den Jugendlichen damals ergangen ist. Wie groß ihre Angst gewesen sein muss, wie unbegreiflich das alles war. Ich fragte mich: Was hätte ich gemacht? Wo hätte ich mich versteckt? Aber auch: Dürfen wir hier Spaß und eine gute Zeit haben?
An unserem ersten vollen Tag bekamen wir eine Führung über die Insel, von einer der hauptamtlichen Mitarbeiterinnen. Es war sehr, sehr bewegend und der Schmerz kaum aus haltbar. Wir standen an den Orten, an denen junge Menschen ermordet wurden. Zu sehen, wo genau das alles passiert ist, war hart. Man kennt die Berichte aus Zeitungen und dem Fernsehen, aber genau dort zu stehen, das Gelände zu sehen, die Einschusslöcher – das hat eine ganz andere Tiefe. Es war schlimm und trotzdem war es so wichtig.
Gleichzeitig erfuhren wir auch viel über die Geschichte der Insel, wie schön die Sommer dort früher waren, wie Jugendliche auf der Insel zelteten, badeten, diskutierten, lachten und Freundschaften schlossen. Die Natur ist atemberaubend. Alles ist grün, ruhig und einfach wunderschön. Besonders rührend war die Geschichte des sogenannten Liebespfad, ein Weg auf der Insel, an dem sich über viele Jahre hinweg Paare gefunden haben. Es war dieser Kontrast, zwischen dem Grauen des Anschlags und der Lebendigkeit des Lebens davor und danach. Dieser hat mich tief bewegt und nachdenklich gemacht.
Im Verlaufe unserer Zeit dort konnte ich mir immer besser vorstellen, wie die Sommer auf der Insel wohl waren. Denn auch wir als Gruppe hatten wirklich schöne Tage auf der Insel, mit interessanten Workshops, vielen Gesprächen, viel lachen, viel politischem Austausch und einem starken Gemeinschaftsgefühl. Alles kam zusammen: Die Erinnerung, das Gedenken, das Lernen, das Lachen, die Trauer, der politische Austausch und das Miteinander.
Utøya hat mir gezeigt, dass Erinnerung nicht nur Rückblick ist, sondern auch Auftrag. Die Menschen, die dort ermordet wurden standen für etwas. Auch wir stehen heute in der Verantwortung, genau dafür weiter einzutreten. Gegen Hass. Gegen Rechtsextremismus. Für Solidarität. Für Demokratie.

